Die Divergenz in den Schwellenländern nimmt zu. Während China und andere Länder Asiens sich erholen, setzen Länder mit hoher Auslandsverschuldung oder vormals hoher Binnennachfrage den Abwärtstrend fort…
Die ING-Spezialisten analysieren im aktuellen „Marktexpress“ aktuelle Entwicklungen, speziell auch bezüglich der Emerging Markets Währungen.
Die Entscheidung der Fed, ihre expansive Geldpolitik vorerst doch beizubehalten, hat die Staatsanleihemärkte verunsichert. Aktien profitierten dagegen. Auch für die Emerging Markets ist das – wenn auch nur vorübergehend – positiv. Zudem steigt die Divergenz innerhalb der Schwellenländer- Volkswirtschaften.
Fed-Entscheidung, das Tapering aufzuschieben
Im MarketExpress der vergangenen Woche diskutierten wir die Fed-Entscheidung, ihre Anleihekäufe noch nicht zu reduzieren. Grund für den Rückzug waren die anstehenden Verhandlungen zu Nachtragshaushalt und Schuldengrenze, etwas schwächere Arbeits- und Immobilienmarktdaten sowie der recht deutliche Anstieg der Treasury-Renditen.
…wirkt sich vor allem auf zweierlei Weise aus
Die Fed-Entscheidung beeinflusst den Marktausblick vor allem auf zweierlei Weise: Erstens führt sie zu mehr Unsicherheit, was die Geldpolitik in näherer Zukunft betrifft, und damit zu höheren Prämien und höherer Volatilität an den Staatsanleihemärkten. Zweitens unterstreicht sie die Bereitschaft der Fed, auf längere Sicht eher eine höhere Inflation hinzunehmen als das Wirtschaftswachstum auf kurze Sicht zu gefährden. Damit sinken die Risiko-/ Ertragsaussichten für Staatsanleihen während Wachstums-Assets wie Aktien und Rohstoffe profitieren.
Weiterer Anstieg 10-jähriger Anleiherenditen zu erwarten
Wir rechnen in den nächsten Monaten mit einem weiteren Anstieg der Renditen auf 10-jährige US-Anleihen. Dafür sprechen vor allem drei Gründe:
Die Risikoprämien am Anleihemarkt sind inzwischen auf das historische Durchschnittsniveau gestiegen. Angesichts der verwirrenden Kommunikationspolitik der Fed ist mit einem Rückgang vorerst nicht zu rechnen.
Der Aufschwung in den USA dürfte anhalten. Die kalte Progression ist mittlerweile wohl ausgestanden, unser Basisszenario ist auf die altbekannte Problematik der Schuldengrenze ausgerichtet.
Die Portfolioflussdaten signalisieren eine „Great Rotation““, also die Umschichtung von Anleihen in Aktien.
US-Leitzinserwartungen bestimmen EM-Währungen
Interessant ist der Blick auf die Entwicklungen an den Währungsmärkten, vor allem bei EM-Währungen. Wie die Grafik zeigt, orientieren sich die EM-Währungen weiterhin an den Erwartungen für den US-Leitzins, die Fed Fund Rate. Die orange Kurve spiegelt den Kurs eines Fed Funds-Futures-Kontrakt mit Verfall Dezember 2015 wider (höherer Kurs bedeutet geringere Rendite). Die blaue Kurve stellt den JP Morgan ELMI+ Index dar, die Benchmark für EM-Lokalwährungsanleihen. Seit Fed-Chef Bernanke im Mai den Einstieg in den Ausstieg aus der QE ankündigte, preisen die Märkte eine höhere Fed Funds Rate ein. Im Zeitraum Mai-August kamen die EM-Währungen schwer unter Druck, da viele Schwellenländer auf den üppigen Kapitalzustrom angewiesen waren. Es überraschte daher nicht, dass die EM-Währungen scharf anzogen, nachdem die Fed am 18. September eine Verschiebung des Tapering ankündigte. Seit der Fed-Entscheidung preisen die Märkte daher eine expansivere Entwicklung der Fed Funds Rate ein. Der Dezember-2015-Kontrakt rentiert jetzt 0,88 % ggü. 1,2 % vor der Fed-Sitzung (und 1,4 % vor den unerwartet schwachen Arbeitsmarktdaten Anfang September).
US-Leitzinserwartungen bestimmen EM-Währungen
Höhere US-Renditen stellen weiterhin ein Risiko für EM-Währungen dar. Die Märkte dürften weiter auf die Länder fokussieren, bei denen die Finanzierung des Leistungsbilanzdefizits problematisch ist. Doch die Konjunkturdaten in den Schwellenländern erholen sich bereits. Ab Ende August profitierten viele EM-Währungen davon, während die US-Renditen weiter stiegen. Ferner kam es zu deutlichen Kapitalabflüssen aus EM-Lokalwährungsanleihen; der Barmittelanteil an EMD-Fonds wurde auf ca. 9 % angehoben. Auf kurze Sicht ist daher ein Aufwärtspotenzial für EM-Währungen zu erwarten, das eher taktisch als strategisch zu nutzen wäre. Längerfristig bleibt es bei der für EM-Währungen schwierigen Kombination aus schwachen EM-Rahmendaten und anhaltenden Liquiditätssorgen weltweit. Der Druck auf Länder und Währungen mit schwachem Wachstum, Strukturproblemen und erheblichem Finanzierungsbedarf wird wohl zunehmen. Voraussetzung für eine nachhaltige Erholung der EM-Asset-Märkte ist eine konsequente Reformpolitik in allen Schwellenländern. Faktoren wie trüberes Investitionsklima, geringere Wettbewerbsfähigkeit, zunehmende Makro-Ungleichgewichte und wachsende Anfälligkeit des Bankensystems müssen angegangen werden.
Steigende Divergenz in Schwellenländern
Innerhalb der aufstrebenden Welt zeichnet sich eine zunehmende Divergenz ab. China und die offenen, stärker industrialisierten Volkswirtschaften Asiens, wie Südkorea und Taiwan, erholen sich, während die Länder mit hoher Auslandsverschuldung und vormals geradezu explodierender Binnennachfrage weiter nachlassen. Das gilt für die Türkei und Südafrika, deren Leistungsbilanzdefizite auf 7,5 bzw. 6,5 % geklettert sind, sowie Indien und Südafrika, wo die Inflation erheblich steigt. Zwei Tage nach der Fed-Sitzung hob die Reserve Bank of India (RBI) schliesslich die Zinsen an. Damit reagierte die Notenbank recht spät auf den Druck durch Kapitalabflüsse und die populistischere Politik der indischen Regierung. Jetzt steht die Inflationsentwicklung wieder im Mittelpunkt, angesichts der steigenden Headline-Inflation und der wohl anhaltenden Rupie-Schwäche völlig zu Recht. Indien muss sich auf das neue globale Umfeld einstellen; die RBI muss auf die Regierung einwirken, ihre Wirtschaftspolitik entsprechend anzupassen.
*Die Bezeichnung „ING IM International“ beinhaltet Geschäftseinheiten in Europa, im Nahen Osten, in Singapur, Japan und US-Niederlassungen (Atlanta und New York). ING IM International bereitet sich zusammen mit INGs‘ europäischer Versicherungssparte darauf vor, zukünftig unabhängig von der ING Group zu agieren.
**Stand: Q2 2013, 30. Juni 2013
Quelle: ETFWorld – ING
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